Märchen u. Sagen - Heimatverein-Medicus

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Märchen u. Sagen

Geschichtliches


Medicus erzählt  eine Anekdote, die sich vor 14 Jahren (demnach 1799) in Lichtenau zutrug: Dem Wirt zum Grünen Baum waren 500 Louisd'or gestohlen worden. Am folgenden Sonntag redete Pfarrer Neßler dem unbekannten Täter von der Kanzel herab ins Gewissen und forderte ihn auf, das gestohlene Geld zurückzubringen und er hatte tatsächlich Erfolg damit. In der Nacht des nämlichen Sonntags wurde das Geld dem Pfarrer ins Zimmer geworfen und es fehlte nur wenig am vollen Betrag. Nach solchen Beigaben wendet sich der Erzähler sodann seinem eigentlichen Thema der Sage vom Scherzheimer Leichenzug zu.

Der Scherzheimer Leichenzug

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Originalzeichnung von Heinrich Medicus

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Als älteste Kirche dieses Landes
ist Scherzheim allgemein bekannt,
ob manches sond'ren Gegenstandes
für uns vorzüglich intressant.
Von Schwarzach ward vor alten Zeiten
der Geistliche dort installiert.
Dies wird uns niemand leicht bestreiten,
denn wir sind richtig informiert.

Umringt von alten Leichensteinen
und Monumenten mancherlei,
kommt dieser Kirche - wie wir meinen -
in jener Gegend keine bei.
Vom Adel, Rittern, Herrn und Grafen
wird mancher bis zum Jüngsten Tag
noch ferner hier ganz ruhig schlafen,
der schon manch hundert Jahr dort lag.

Ob allen gleiche Ruh beschieden,
bezweifelt man in Scherzheim zwar
von denen, die hier abgeschieden.
Die Sage geht schon manches Jahr,
es wäre um die Weihnachtszeiten
ein Leichenzug dort oft zu sehn,
den viele Geister nachts begleiten
und mit ihm um die Kirche geh'n.

Wir wollen bei der Sage bleiben
und den solennen Leichenzug
wie wir erfahren, treu beschreiben:
Oft wenn die Glocke elfmal schlug,
erhebt er sich an einem Wege,
den man das Kälbels-Gässel nennt,
und wird daselbst allmählich rege,
besonders aber im Advent.

Mit vorgetragenem Kreuz und Fahnen
und Priestern in dem Meßgewand,
gefolgt von vielen Untertanen
geht dieser Zug zur linken Hand
mit dumpfen Liedern und Gesängen,
als brächt' er eine Leich' zur Ruh,
um welche weiße Tücher hängen,
auf einem Pfad der Kirche zu.

Sobald der Zug hier angekommen,
umgehet er den Kirchhof nur.
Wenn dies gescheh'n - wie wir vernommen -,
so ist von allem keine Spur
im Augenblick mehr aufzufinden,
weil Fahnen, Kreuz und Meßgewand
mitsamt dem ganzen Zug verschwinden
am Kirchhoftor zur Iinken Hand.

Ein Fuhrmann kam vor wenig Jahren,
auch im Advent, zur Mitternacht,
mit Schweizer Gut vorbei gefahren;
nahm diesen Umgang wohl in acht.
sah ihn im Feldweg erst entstehen,
dann längs dem Pfad zur linken Hand
dumpf singend um den Kirchhof gehen,
worauf dann alles schnell verschwand.




Als er im "Adler" angekommen
zu Ulm in David Joergers Haus,
so legte er - wie wir vernommen -
genau den Gästen alles aus,
wie alle, die in Scherzheim sagen
so die Procession geseh'n
mit Kreuz und Fahnen vorgetragen
im Kälbels-Gässel erst entsteh'n.

Von dort aus, längs dem Fußpfad wallen
der Kirche zu, zur linken Hand,
er hörte dumpfe Lieder schallen,
sah Fahnen, Kreuz und Meßgewand.
Die Bahre sah er, weiß behangen,
sah alles um den Kirchhof geh'n.
Und als der Zug herum gegangen,
war gar nichts mehr davon zu sehn.

Fremd war der Fuhrmann - wie wir wissen
die Sage war ihm unbekannt,
drum werden wir ihm glauben müssen,
weil er das Märchen nicht erfand
und alles haarklein doch erzählte,
wie jedermann in Scherzheim sagt,
so daß auch nicht ein Umstand fehlte;
man hat deshalben nachgefragt.

Im letzten Krieg vor wenig Jahren
lag einst ein Stab von Österreich hier,
der die Kanonen aufgefahren
am Kirchhof. Hiervon wissen wir:
die Wache konnte dort nicht bleiben,
weil die erwähnte Prozession
die Schildwacht wußte abzutreiben,
der kühnste Krieger lief davon.

Dies ward dem Obrist rapportieret,
der die Kanonen alsobald
vom Kirchhof ab mehr feldwärts führet,
dies weiß in Scherzheim jung und alt.
Man hatte recht beherzte Leute
auf Posten vorher ausgestellt,
die dieser Umgang bald zerstreute,
und keiner blieb um Gut und Geld.

In Kälbels-Gässel trifft indessen
der Gottseibeiuns selbst oft ein,
dort haust der Satan ganz vermessen;
denn etwas andres kann's nicht sein.
Man hört das Wilde Heer mit Lärmen
nachts bei verschiedener Jahreszeit
dort mehrmals' auf und nieder schwärmen,
und das hat seine Richtigkeit,

In, Scherzheim steht es zu erfragen,
wir haben nichts dazu getan,
erzählten, was sich zugetragen,
was dort der allgemeine Wahn
seit langen Zeiten ausgesonnen.
Dies ist gescheh'n  -  Und hätten wir
dem Leser Beifall abgewonnen,
so wär das Lohn genug dafür!


Weitere Gedichte und Volksmärchen können beim Heimatverein bezogen werden



 
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