Baas über Medicus - Heimatverein-Medicus

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Baas über Medicus

Geschichtliches

Heinrich Medicus

Fritz Baas schrieb 1957, in der Kehler Zeitung, aus Anlaß der  Einrichtung einer "Medicusstube" im Gasthaus zum Schwanen in Lichtenau eine Fortsetzungsreihe über Heinrich Medicus. Da es sich um ein zeitgeschichtliches Dokument handelt, was Fritz Baas zusammengetragen hat, wollen wir den Wortlaut der Artikelserie in einem Reprint hier wiedergeben, auch wenn wir mit den Wertungen, die er vorgenommen hat nicht immer einverstanden sein können. Wenn er schreibt:   Medicus sei " ein routinierter Reimeschmied, wenn auch kein Dichter... " gewesen, drängt sich die Frage auf, ob er von Medicus auch noch etwas anderes gelesen hat als die Gedichte, die Medicus in Lichtenau geschrieben hat und die Gegenstand dieser Artikelserie sind. Natürlich hat Medicus seine Verse zweckbezogen   verfaßt, dh. er hat seine Gedichte und Märchen vor allem für die von Ihm hochverehrte Reichsgräfin von Hochberg, der zweiten Frau des Großherzogs Karl Friedrich geschrieben aber auch zu anderen Anlässen, wie zB. Zum 29. Hochzeitstag mit seiner ersten Frau Beate schrieb er ein schönes Gedicht, das mit Fug und Recht als Poesie angesehen werden muß. Er war weder ein Goethe noch ein Schiller, auch kein J.P. Hebel, mit dem er korrespondierte aber ein Dichter war er allemal.

Ernst Decker


Der Sagensammler Heinrich Medicus

- von Dr. Fritz Baas -
Am übernächsten Sonntag wird in Lichtenau die "Medicusstube" eröffnet. Aus diesem Anlaß beginnen wir in unserer heutigen Ausgabe mit dem Ab-druck einer Fortsetzungsreihe, die ein Bild von Leben u. schriftstelleri-schem Werk des Husarenobersten Heinrich Medicus vermitteln soll. In den biographischen Daten folgen wir dabei der Arbeit von August Feßler, der im Jahrbuch "Die Ortenau" I940 alle erreichbaren Einzelheiten zusammenge-tragen hat und dessen Verdienst es ist, nach langer Zeit erstmalig wieder auf die Bedeutung dieser Persönlichkeit hingewiesen und ihr Andenken der Vergessenheit entrissen zu haben. Es kommt uns vor allem darauf an, im Laufe unserer Darstellung Medicus selbst zu Worte kommen zu lassen und einige Auszüge aus seinen umfangreichen Sagengedichten zum Abdruck zu bringen. Dies geschieht hier zum ersten Male, denn bis auf den heutigen Tag ist noch kein einziges Stück der Sammlung im Druck erschienen. Wir schulden dabei dem Direktor der Bad. Landesbibliothek, Dr. Franz Schmitt für die Überlassung der Manuskriptbände besonderen Dank.

Im Jahre 1805 zog in dem Städtchen Lichtenau ein ungewöhnlicher Mann ein. Er war von stämmiger Statur, hatte ein markantes breites Gesicht mit scharf beobachtenden hellblauen Augen und einem resolut und fast grim-mig wirkenden hängenden Schnauzbart. Es gehörte nicht viel Menschen-kenntnis dazu, um in ihm einen alten Soldaten zu erkennen. Es war der Husarenoberst Heinrich Medicus, zuletzt Kommandeur der Kavallerietruppe des Großherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe.

Jetzt war er mit 62 Jahren pensioniert und richtete sich in Lichtenau seinen Alterssitz ein. Aber wer glaubte, daß sich der alte Haudegen nun ruhige beschauliche Tage machen würde der hatte sich getäuscht. Dazu hatte er noch viel zu viel Lebensgeister und Unternehmungsdrang in sich. Er erwarb das bisherige Gasthaus "Zur Krone", ließ Ökonomiegebäude bauen und fing an, eine stattliche Landwirtschaft zu betreiben. Doch damit nicht genug, er übernahm dazu auch noch die Poststelle der Landpost von Ras-tatt nach Straßburg, die gewiß nicht wenig Arbeit machte; denn diese Post-strecke war in jenen Jahren stark befahren.

Wie kam der alte Offizier, der an ein Leben in der Residenz und in Hofnähe gewohnt war, dazu, sich auf seine alten Tage ausgerechnet in Lichtenau niederzulassen? Er war ja hier nicht zu Hause, sondern stammte aus Atzbach im Fürstentum Nassau-Weilburg, wo sein Vater Regierungsrat und Amtmann war. Aber seine Frau, eine geborene Dietrich, war Lichtenauerin. Er hatte sie vermutlich kennen gelernt, als er im Oktober 1802 in der "Krone" in Lichtenau einquartiert war. Sie war nicht mehr jung, 53 Jahre alt und Witwe des Eisenhändlers Joh. Jakob Mayer aus Lichtenau. Im März des gleichen Jahres war die erste Frau von Medicus, die aus der Neumark stammte und mit der er 14 Kinder hatte, in Karlsruhe gestorben. So fand der alternde Witwer bald wieder eine Lebensgefährtin. Ein Jahr darauf hei-rateten sie, und als Medicus in den Ruhestand trat, zogen sie nach Lich-tenau.

Medicus war nicht von Anfang an in badischem Dienst. Er hatte seine Offi-zierslaufbahn als Kadett bei einem Infanterieregiment des Landgrafen von Hessen-Kassel begonnen. Ab 1764 flnden wir ihn als Lieutenant in der Armee des großen Preußenkönigs, bei den Tettritz- Dragonern, zeitweilig als Werbeoffizier, später bei den Fraibataillonen von Brenner und von Freystett und nach dem Frieden von Teschen beim Regiment Natalis in Crossen. Erst 1780 trat er in badische Dienste über, wurde Hauptmann und Adjutant im Infanterie Regiment des Markgrafen Karl Friedrich von Baden, sodann Rittmeister im Husarenkorps, der einzigen nur etwa 60 Mann star-ken Kavallerietruppe des Markgrafen. Er war wohl angeschrieben und wurde wiederholt mit sehr verantwortungsvollen Aufgaben betraut. So war er beispielsweise zu Beginn des Jahres 1792, als die Brandung der franzö-sischen Revolution gegen das rechtsrheinische Ufer anlief zwei Monate lang Kommandant von Kehl. 1793 begleitete er den zweiten Sohn des Markgrafen, den Prinzen Friedrich, der ein holländisches Infanterieregiment befehligte, auf dem Feldzug Holland gegen Frankreich. Im Auftrag des Markgrafen führte Medicus über jenen Feldzug ein Tagebuch. Bald darauf wurde er zum Major befördert, im Jahr 1800 zum Oberstleutnant, seine Ernennung zum Oberst erfolgte mit seiner Zur Ruhe Setzung

In Lichtenau lebte Medicus ziemlich zurückgezogen, obgleich ihm als dem rangältesten Staatsdiener im Städtchen gesellschaftlich der erste Platz zukam, was schon dadurch dokumentiert wurde, daß er in der Kirche den ersten Sitz dicht am Altar innehatte. Er pflegte nur Umgang mit einigen vertrauten Freunden, wie dem Apotheker Gustav Wagner, einem alten preußischen Freiheitskämpfer, seinem alten Kriegskameraden Rittmeister Schell, der in Gamshurst wohnte, oder Pfarrer Neßler, den er sehr hoch-schätze und zu dessen  Ableben (1806) er einen poetischen Nachruf schrieb. Die Verbindung zum Karlsruher Hof riß nicht ab. Es ist überliefert, daß Markgraf Wilhelm, der zweite Sohn Karl Friedrichs und der Reichsgrä-fin von Hochberg, den alten Husarenoberst in seinem Lichtenauer Domizil 1814 besuchte. Vor allem aber war es eine schon in der letzten Karlsruher Jahren gepflegte Liebhaberei des Obersten, weiche die Verbindung auf-recht erhielt: es ist die nämliche Liebhaberei, die seinen Namen und sein Wirken dem Gedenken der Nachwelt eingeprägt hat.

Ein ungewöhnliches Steckenpferd

Medicus sammelte alte Volkssagen, Märchen und Spukgeschichten und brachte sie in wohlausgerichtete Reime. Bei einem alten Militär immerhin ein ungewöhnliches Steckenpferd. Wie er darauf kam, ist nicht weiter über-liefert; aber man kann es sich so ungefähr denken. Als Soldat kam er weit herum, lag da und dort im Winterquartier, wo man sich die langsam schlei-chende Zeit mit Erzählen von allerlei Geschichten verkürzte. Natürlich  muß ein Hang zum Volkhaften und Beschaulichen in seiner ganzen Veranlagung vorhanden gewesen sein; wäre es sonst zu erklären gewesen, daß er sich am Ende seiner militärischen Laufbahn in kleines Landstädtchen zurückzog, um zu bauern. Außerdem lag in jener Zeit der aufkeimenden Romantik und des erwachenden Nationalbewußtseins die Beschäftigung mit Volkssagen und Volksmärchen in der Luft. Medicus war auf diesem Gebiet ein Vorläufer der Gebrüder Grimm, deren Sammlung deutscher Volksmärchen ab 1812 erschien.

Mit der Reichsgräfin von Hochberg, der zweiten Gemahlin des Markgrafen Karl Friedrich verbanden ihn gleichgerichtete Interessen. Ihr hat er jedes Stück seiner Sammlung einzeln mit einer besonderen Widmung zugeeignet. Wir können heute nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die allererste Anregung zur Niederschrift von ihr ausging, oder ob Medicus von sich aus zu schreiben begann. Fest steht jedenfalls, daß die Zeit, in der Medicus seine 30 Bändchen um fassende Sammlung (1800-1807) niederschrieb, nicht ausgereicht hätte, um zugleich die zugrunde liegenden Materialien zu sammeln, ganz abgesehen davon, daß er von Karlsruhe aus an die mündliche Überlieferung der in weit entfernten Gegenden spielenden Sagen gar nicht herangekommen wäre. Er muß sich also schon sehr lange vor der Niederschrift mit seinen Stoffen befaßt und Material dafür zusammenge-tragen haben.

In Lichtenau hat Medicus nur wenig geschrieben. Die überwiegende Mehrzahl seiner Sagen hat Medicus in seinen Angaben auf der Titelseite zufolge in Karlsruhe geschrieben. Die ersten 24 Bändchen wurden vom Januar 1800 bis zum Dezember 1801 verfaßt. Jeweils zum 1. jeden Monats überreichte er seiner fürstlichen Gönnerin ein neues Bändchen. Die folgenden Bändchen folgten in unregelmäßigen Abständen. In Lichtenau nach seiner Zur Ruhe Setzung hat Medicus seine Sammlung nur noch um  zwei Stücke bereichert. Das eine, "Die erste Spinnerin" (1806) ist keine Volkssage, sondern  im wesentlichen ein Lehrgedicht. Das andere "Der Notarius" (1807) behandelt eine Lichtenauer Spukaffäre. Mit dem letzteren schließt seine Sammlung, er hat später nichts derartiges mehr geschrieben.

Daß seine Schaffenslust erlahmte, ist wahrscheinlich darauf zurück zu führen, daß sein Augenlicht von Jahr zu Jahr schwächer wurde. Ein Ge-dicht, das er 1811 zur Einweihung der neuen Kirche in Scherzheim verfaßte, ist wahrscheinlich das letzte gewesen, was er geschrieben hat. Als ihn 1814 Markgraf Wilhelm in Lichtenau besuchte, war er schon vollkommen erblindet.

Es mag sehr schwer für ihn gewesen sein, als 1827 der Tod seine Ehege-fährtin von seiner Seite nahm und er allein blieb in seiner Nacht. Er hat seine Frau nur um ein Jahr überlebt Er verstarb 85-jährig am 2. September 1828 und wurde auf dem Lichtenauer Friedhof beigesetzt.

Die dreißig "Baendgen Volcksmaehrgen"

Daß diese Sagensammlung nicht weiteren Kreisen bekannt wurde, daß sie vergessen wurde und über ein Jahrhundert lang vergessen blieb, erklärt sich aus dem Schicksal des Manuskripts. Die handgeschriebenen Bänd-chen die seinerzeit Medicus der Reichsgräfin von Hochberg überreichte, gingen allem Anschein nach verloren, Das Exemplar der Sammlung, das uns erhalten blieb, ist offenbar eine Zweitschrift, die Medicus für sich selber anfertigte und bei sich zu hause aufbewahrte. Nach seinem Tode gingen diese Manuskripte in den Besitz seines besten Freundes, des Apothekers Wagner in Lichtenau über. Dieser hinterließ sie nach seinem Ableben seinem Nachfolger, dem Apotheker Schoch, der sie wiederum seinem Sohn, dem Rechtsanwalt Dr. Schoch in Heidelberg vererbte. Vor zwei Jahren ging nun die Sammlung in den Besitz der Bad. Landesbücherei in Karlsruhe über.

Die Manuskripte sind in drei Bänden zusammengefaßt.

Der erste Band enthält folgende Stücke:

1   "Der Arzt", ein thüringisches Volksmärchen (Karlsruhe, Jan. 1800)
2.  "Das zerbrochene Küchenchenmesser", ein wetterauisches Volksmär-chen (Karlsruhe, Febr. 1800)
3.  "Die geküßte Trine", neumärkisches Volksmärchen (Karlsruhe, März 1800)
4.  "Der Bote nach Dresden", sächsisches Volksmärchen (Karlsruhe, April 1800)
5.  "Das Rockertweibele", ebersteinisches Volksmärchen (Karlsruhe, Mai 1800)
6.  "Der schwarze Pudel mit den feurigen Augen", ein albgauisches Volksmärchen (Karlsruhe,Juni 1800)
7.  "Des Teufels Kanzel Bett- :und Schneidmühle" Schwarzwälder Volks-märchen (Karlsruhe, Juli 1800''
8.  "Der Kobold vom Zotenberge", schlesisches Volksmärchen (Karlsruhe, August1800)  
9.  "Der Schulmeister in der Hölle", Märchen aus dem Murgtal (Karlsruhe, Sept. 1800)  
10. "Die Nonnen zu Weisenstein" , Volksmarchen aus dem Nagold-Grund (Karlsruhe, Okt. 1800)  
11. "Der dankbare Hirsch", Volksmärchen aus dem Neckartal (Karlsruhe, Nov. 1800)  
12. "Die Seefräuleins und Seenonnen", ein Schwarzwälder Volksmärchen (Karlsruhe Dez. 1800

Im zweiten Band sind enthalten:

13. "Die Müllerin von Zell'`, ein Volksmärchen aus der Mordenau Kalruhe, Januar 1801)
14. "Die verwünschte Melusine", Volksmärchen. aus dem Durbacher Tal (Karlsruhe, Februar 1801)
15. "Die Fräuleins von Windeck:", Volksmärchen  aus dem Schwarzwald (Karlsruhe, März 1801)  
16. "Die. Jägerskäfer zu Gudensburg" , Volksmärchen aus dem Hessen-land (Karlsruhe, April 1801)
I7. "Das versunkene Raubschloß bei Göbrichen", Volksmärchen aus dem Enzgau (Karlsruhe, Mai 1801)  
18." Die weiße Frau zu Guttenberg", Volksmärchen aus dem Neckartal (Karlsruhe, Juni 1801)  
19. "Das neue Jerusalem", Volksmärchen aus dem Remchingertal (Karls-ruhe, Juli 1801)
20. "Der Hungerbrunnen bei Wössingen ", Volksmärchen aus dem Pfinz-gau (Karlsruhe, August 1801)  
21. "Das Wundergretchen in Pforzheim", (Volksmärchen aus dem Enzgau (Karlsruhe, September I801)  
22. "Die Schatzgräber in Langensteinbach", Volksmarchen aus dem AIbgau (Karlsruhe, Oktober 180I)
23. "Der Truthahn und die Schlange`', "Der Kapuziner und die Nonne"  nebst dem "Blaserle in Eisingen",
     Volksmärchen aus dem Enzgau (Karlsruhe, November 1801)  
24. "Der Kapuziner Rudolph oder Rudy im Pfarrhaus zu Obereggenen im Sausenhard",
      Volksmärchen aus dem Sausenhard (Karlsruhe, Dezember 1801).

Und der dritte Band enthält die Stücke:

25. Der Rothackergeist bei der Liedolsheimer Ziegelhütte", ein Volksmärchen aus der unteren Hardt (Karlsruhe, Juli 1802)  
26. "Das verlorene Hunds- Privilegium", ein uraltes Volksmärchen (Karlsruhe, August 1802)  
27. "Die Prozession zu Scherzheim", ein Hanau- Lichtenbergisches Volksmärchen (Karlsruhe, Dezember 1803)  
28. ,,Die Trompete" gereimte Abhandlung, keine Sage (1802)  
29. "Die erste Spinnerin", eine Erzählung (Lichtenau, Januar 1806)  
30. "Der Notarius", ein Lichtenauer Volksmärchen (Lichtenau, Februar 1807).

Von allen diesen Manuskripten wurde weder zu Lebzeiten des Verfassers noch später bis zum heutigen Tage kein einziges gedruckt,
nicht einmal auszugsweise.

.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü